Geschichte des Tragens

Da ist er, der zauberhafteste Moment im Leben einer Frau. Und der Moment, wo schlagartig klar wird: Alles was ich je über Babies, Kindererziehung und die Mutterrolle gehört habe, sind Nichtigkeiten. Die Augenblicke direkt nach der Geburt gehören dem Instinkt, der Intuition und dem weiblichen Wissen, das wir seit Jahrmillionen in uns tragen. Gelingt es uns, diesen Moment zu konservieren und als Schatzkästchen mütterlicher Weisheit anzunehmen, wird unser Familienleben reicher und liebevoller werden.

In diesem Schatzkästchen steckt auch das Wissen, dass winzig kleine Menschen, die erst wenige Wochen oder Monate alt sind, die Nähe eines anderen Menschen brauchen – 24 Stunden lang. Denn bis auf den Tast- und Geruchs- bzw. Geschmackssinn, sind die Sinne noch nicht voll ausgereift. Informationen, wie „Mäuschen, Mama ist direkt nebenan!“ oder „Hallo, hier bin ich doch!“, kann ein Baby weder verarbeiten noch verstehen. Es muss fühlen und spüren, dass jemand da ist; schmecken und riechen, wer mit der Hand über das Köpfchen streichelt.

Auch die Mutter (und der Vater) brauchen die Nähe ihres Kindes. Bonding ist der moderne Begriff - Bindung und die Fähigkeit eine Verbindung mit einem Menschen einzugehen, erklären, was er bedeutet und machen deutlich: Dies ist keine Einbahnstraße, sondern ein wechselseitiges Erleben tiefer Verbundenheit. Ist die Mutter von ihrem Kind in den ersten Wochen und Monaten kurz getrennt, fühlt es sich für beide nicht richtig an. Intuitiv wissen wir, dass unser Kind auf unsere Nähe angewiesen ist. Eine kluge Einrichtung der Evolution zum Schutz des Nachwuchses (während Papa jagt – heute geht er arbeiten) und zur Vertiefung der Muttergefühle, ausreichend für ein ganzes Leben.

Tag und Nacht für die Bedürfnisse eines Menschen zu sorgen ist nicht einfach und kann an emotionale und körperliche Grenzen führen. Der Kraftakt der Geburt und die vielen Dinge, die frischgebackene Eltern sich in den ersten Tagen, Wochen und Monaten aneignen müssen, kosten ebenso Kraft, wie die Erkenntnis, dass selbst die Zeit, eigene Gedanken zu denken, oft fehlt. Schnell stellt sich das schlechte Gewissen ein, der verständliche Wunsch ein bißchen mehr Zeit für sich zu haben, kann sich wie ein kleiner Verrat anfühlen.

Während der Säugling schläft, selbst zu schlafen und sich klar zu machen, dass niemand perfekt ist, hilft die Situation zu entschärfen. Doch was ist mit den Wachphasen, in denen Babies ihre neue und aufregende Umgebung entdecken wollen? Umhüllt von einem weichen Stück Stoff, dicht an der warmen Haut von Mama oder Papa (später auch von Oma, Opa, Onkel, Tante, Bruder, Schwester...) und überall mit dabei – das heißt, ein Kind ins Leben zu tragen. Und obwohl es seit rund 160 Jahren den Luxus Kinderwagen gibt, tragen weiterhin dreiviertel der Weltbevölkerung ihre Kinder – nicht ohne Grund!


Von Nesthockern, Nestflüchtern und Traglingen

Nesthocker und Nestflüchter sind seit langem bekannte Größen in der Entwicklungsbiologie. Dass der Mensch jedoch in keine dieser Kategorien passen will, sorgte lange Zeit für Unstimmigkeiten. Nesthocker kommen nackt und blind zur Welt und können sich nicht alleine fortbewegen. Sie sind in der Lage stundenlang alleine im Nest auf die Rückkehr der Eltern zu warten – ohne einen Mucks von sich zu geben. Nestflüchter dagegen sehen den erwachsenen Exemplaren ihrer Gattung sehr ähnlich und können direkt nach der Geburt alleine stehen und kurz darauf gehen.

Der Mensch kommt weder blind noch vollkommen nackt auf die Welt, beginnt Kontaktlaute (bis hin zum Weinen) von sich zu geben, sobald die Eltern aus dem Blickfeld verschwinden und lernt erst mit rund einem Jahr eingenständig zu stehen bzw. zu gehen. Dies und verschiedene Reflexe, wie der Klammergriff und der Spreiz-Anhock-Reflex (der Säugling zieht automatisch die Beinchen in „Froschhaltung“ an, wenn er freundlich angesprochen und/oder hochgenommen wird), weisen darauf hin, dass der Mensch ein Tragling ist. Bereits 1970 wurde dieser Begriff von dem Biologen Bernhard Hassenstein eingeführt und findet seit dem Anwendung auf Faultiere, Koalabären, verschiedene Affenarte - und den Menschen. Während vor allem die Babies etlicher Affenarten zu den aktiven Traglingen gehören, hat sich der Mensch im Laufe der Evolution (mit dem Verlust des körperbedeckenden Haarkleides) zum passiven Tragling entwickelt und muss während des Transports festgehalten werden.


Der Sinn der Sinne

Je nachdem, wie genau man differenziert, hat der Mensch zwischen 8 und 13 Sinnen, die im Laufe vieler Lebensjahre vollständig ausgebildet werden. Neben dem Sehen, Hören, Tasten, Schmecken und Riechen gehören auch die Körperempfindung (=Lagersinn, Kraftsinn und Bewegungssinn) und der Gleichgewichtssinn zu den Sinnen, die in der frühkindlichen Entwicklung eine wichtige Rolle spielen. Ohne diese Sinne kann sich der kleine Mensch nicht in seiner Umgebung zurecht finden, lernt weder greifen, stehen noch laufen oder sprechen. Die Stadien, in denen ein Baby bestimmte Fähigkeiten erlangt, hängen vor allem mit dem Ablauf der Hirnreifung zusammen. Von Geburt an läuft ein genetisch gesteuertes „Computerprogramm“ ab, in dessen Zuge sich Voraussetzungen und Grundlagen für große Entwicklungsschritte bilden. Unterstützt werden diese Vorgänge durch immer neue Impulse von außen und eines ebenfalls bereits angelegten „Trainingsprogramms“: Wiederholen, wiederholen, wiederholen. In diesen Phasen können sich Kinder beispielsweise stundenlang damit beschäftigen, Greiflinge, Bauklötze und anderes Spielzeug immer wieder von einer Hand in die andere oder von der Hand in den Mund zu befördern. Die Sinne spielen hierbei eine entscheidende Rolle. Sie leiten Informationen an das Gehirn weiter, die als Marker gespeichert und bei Bedarf wieder abgerufen werden.

Wird ein Baby vom Beginn seines Lebens an getragen, darf es neben Liebe, Geborgenheit und Sicherheit, auch zahlreiche andere Erfahrungen sammeln. Sehen und Hören werden durch die überblickende Trageposition positiv beeinflusst, umhüllt vom Geruch des Tragenden lernt der Säugling sich und seinen Körper an die Bewegungen anzupassen – Körperempfinden und Gleichgewichtssinn werden geschult. Der Körper des Kindes nimmt bei richtiger Trageweise automatisch eine entwicklungfördernde Haltung ein: Der gerundete Rücken entlastet das Becken und die Wirbelsäule, die erst im Laufe der ersten beiden Lebensjahre ihre typische S-Form bekommt. Daneben fördern die im idealen Winkel angezogenen Beine eine gesunde Entwicklung der Hüftgelenke (korrekte Trageweisen werden auch zur Unterstützung der Therapie bei der Diagnose von Hüftdysplasien empfohlen).


Vorteile und Vorurteile

Hände frei für Hausarbeit. Das ist der Vorteil des Tragens, der überall gerne und an vorderster Stelle zu finden ist. Natürlich freut es Mütter und Väter, wenn sich Wäscheberge nicht bis zur Größe des Mount Everest auftürmen und die Staubmäuse nicht miteinander fangen spielen. Viel wichtiger ist jedoch in den ersten Monaten des neuen Lebens die Möglichkeit sein Kind kennen und lieben zu lernen. Wer sein Kind trägt, lernt schnell die verschiedensten Signale und Laute zu deuten: Hunger, große und kleine Ausscheidungen, Liebesbedürfnis, Kommunikationswunsch, die verschiedenen Anzeichen für Müdigkeit oder den Wunsch nach Ruhe und Geborgenheit. Selbst Verdauungsprobleme und Blähungen können durch das Tragen verbessert bzw. vermieden werden. Die ständige Massage des Babybauches durch die Bewegungen des Tragenden, regt die Darmtätigkeit an und Winde können leichter abgehen.

So lassen sich die meisten Bedürfnisse schon befriedigen bevor das Kind sich unverstanden fühlt und herzzerreißend zu weinen beginnt. Schreien ist das letzte Mittel des Kindes seine Existenzangst - die Angst keine Nahrung, Wärme oder menschliche Nähe zu bekommen - deutlich zu machen und keineswegs ein Normalzustand.

Eine Studie des Kinderspitals Zürich (unter der Leitung von Dr. Urs A. Hunziker) beweist, dass mehrstündiges Tragen die Schreidauer bei Babies deutlich verringert und die Kinder auch während der Wachphasen zufriedener sind. Auch finden unruhige Kinder durch das Getragenwerden oft besser und schneller in den Schlaf.

Wer sein Kind trägt, verwöhnt es also nicht, sondern tut, was für den Erhalt und die gesunde Entwicklung des Nachwuchses von der Natur vorgesehen wurde: Bestmögliche Rundum-Versorgung, Schutz vor Gefahren und den Widrigkeiten des Lebens – dies bildet die Grundlage für tiefes Vertrauen und gegenseitigen Respekt.

Der Schweizer Biologe Adolf Portmann bezeichnete den Menschen als „physiologische Frühgeburt“, die hilflos und noch nicht vollständig ausgereift zur Welt kommt und auf Totalversorgung angewiesen ist. Neben der Verlängerung der für die Körperentwicklung notwendigen Tragzeit außerhalb des Mutterleibes, sei für die Entwicklung des Menschen kennzeichnend, dass viele Prozesse nicht isoliert, sondern eingebettet in das soziale und kulturelle Umfeld des Säuglings stattfinden.

Wer genau beobachtet, wird feststellen, dass sein Kind mit der Weiterentwicklung der Sehfähigkeit und der zunehmenden Wahrnehmung der Umgebung beginnt, 'Rückversicherungsblicke' zum Tragenden hin zu werfen. Darf die fremde Frau meine Hand streicheln? War das laute Geräusch gefährlich? Wie begrüßt Mama fremde und bekannte Menschen? Hier lernt ihr Kind hautnah soziale Kompetenz, welche Dinge gut für es sind oder auch schlecht, entwickelt so Selbstvertrauen und Selbständigkeit und hat gleichzeitig die Möglichkeit jederzeit mit seiner Umwelt in Kontakt zu treten.

Droht Überreizung, also ein Zuviel an neuen und ungewohnten Bildern, kann sich die kleine Tragemaus aber auch aus dem Geschehen zurückziehen und im Tuch (oder einer anderen geeigneten Tragehilfe) auf Tauchstation gehen, in wohliger Sicherheit entspannen und schlafen. Eine Studie, die im Jahr 2000 von der Universität Köln durchgeführt und veröffentlicht wurde, bestätigte, dass Säuglinge, die in Tragetüchern transportiert werden, nicht unter Sauerstoffmangel leiden. Auch die Länge des Nachtschlafes wird durch die Ruhephasen in der Tragehilfe nicht beeinflusst, da die Babies dort nicht, wie nachts, in den Tiefschlaf fallen.

Anders als in Kinderwägen muss sich ein Baby auch während der kalten Jahreszeit nicht vollständig selbst warm halten, sondern wird durch die Körperwärme des Tragenden unterstützt.


Warum wir nicht mehr tragen wollten

Tragen ist eines der natürlichsten Dinge im Leben von Müttern und Vätern - ob auf dem Arm, der Hüfte oder mit Hilfe einer Trage – und wirkt sich positiv auf die Entwicklung des Kindes aus. Warum also greifen dennoch viele Eltern zum Vollzeit-Kinderwagen?

Als die Welt immer kleiner wurde und der Zuwachs des Wissens und der Wissenschaften für Aufklärung und Erklärung sorgten, begannen Philosphen, Mediziner und Psychologen sich auch Gedanken über die Entwicklung von Kindern zu machen. Die Erziehungswissenschaften wurden geboren. Mit dem aufkommenden Bürgertum wurde die Mutterrolle idealisiert und zur alleinigen Aufgabe der Frau erklärt. Dies stellte auch eine Abgrenzung zur armen Bevölkerung dar. Beeinflusst von Jean-Jacques Rousseau, der in seinem Roman Emile seine Vorstellung von Kindererziehung deutlich machte, entwickelte sich ein stark distanzierter Erziehungsstil. Wiegen, Beruhigungsschnuller, Tragen und körperliche Nähe wurden verteufelt – Kinder sollten nicht verwöhnt werden! Dazu gehörte auch, Säuglinge schreien zu lassen, wenn sie weinten. Da die Bildung vor allem in besseren Kreisen zu Hause war, brachte man andere Erziehungsstile und damit auch das Tragen mit der armen Bevölkerungsschicht in Verbindung. Ende des 19. Jahrhunderts gipfelte der erzieherische Wunsch nach Distanz zu den eigenen Kindern und der Distanzierung vom Proletariat in der Erfindung des Kinderwagens. Reiche Familien zeigten sich stolz mit ihrer neuen Errungenschaft und der Kinderwagen wurde zum Statussymbol.

„Hart wie Kruppstahl“ sollten die Kinder schließlich in der Nazi-Zeit sein. Sie sollten möglichst schnell zur Selbständigkeit erzogen werden und den Anforderungen der Zeit entsprechend nur wenig in Erscheinung treten oder gar zur Last fallen. Sätze, wie „Du sprichst nur, wenn Du gefragt wirst“ und „Halt Dich gerade!“ stammen aus dieser Zeit. Einer Verweichlichung durch Nähe und Geborgenheit wurde mit schematischen Empfehlungen zu Schlaf- und Stillzeiten entgegengewirkt: Wenn überhaupt, sollte nur noch im Vier-Stunden-Rhytmus gestillt werden und die Verwendung künstlicher Babynahrung wurde empfohlen. Daneben sollte Wickeln und sonstiger Körperkontakt auf ein Mindesmaß reduziert werden und die Kinder in eigenen Betten und eigenen Zimmern schlafen.

Nach dem Ersten und besonders dem Zweiten Weltkrieg brachten die Menschen das Tragen nicht mehr nur mit Armut in Verbindung, sondern auch mit Hunger, Krieg und Flucht. Ganz Deutschland war in Bewegung. Auf der Flucht vor Tod und Zerstörung, getrieben von panischer Angst und ständig Hunger leidend, trugen die Menschen ihre Kinder unter ihren eigenen Mänteln, um sie warm und am Leben zu halten. Dies grub sich tief in die Psyche der Menschen ein und war eine starke und vor allem negative Erinnerung.

Als Deutschland das Wirtschaftswunder der 1950er Jahre feierte, waren die Menschen froh diese Zeit vergessen zu dürfen. Mittlerweile konnte sich fast jede Familie einen Kinderwagen leisten und wer keinen besaß, wurde als asozial eingestuft. Wer hätte nach den Kriegsjahren schon verstanden, dass jemand sein Kind freiwillig tragen möchte?

Erst mit langen Jahren des Abstandes zu den Weltkriegen und dem weltoffenen Blick der Menschen auf andere Kulturen, wurde auch in Deutschland das Tragen wiederentdeckt.

(Artikel verfasst von Nicole Zobel (zobelix-tragetrix) im Auftrag von und exklusiv für Tragemaus GmbH)